Warum wir mit Stift und Papier entspannen

Warum wir mit Stift und Papier entspannen

Beim Zeichnen auf Papier frage ich mich immer öfters, warum tut mir das so gut?

Es ist der ideale Weg für mich, um zu Ruhe zu kommen. Was geschieht da genau? Einer Beobachtung, die ich mache: das Abschalten gelingt mir vor allem bei einfachen Formen, die ich gerne wiederhole, zum Beispiele Bäume, Häuser oder Muster.

Was passiert im Kopf beim Zeichnen?

Mit dem Stift in der Hand auf dem Papier beginnen folgende Aktionen im Gehirn. Der präfrontale Cortex richtet unsere Aufmerksamkeit auf das, was wir gerade tun. Der Fokus wird klarer. Das limbische System, das für Stressreaktionen zuständig ist, beruhigt sich. Wiederholte Bewegungen senden ein „Alles ist gut“-Signal. Das Belohnungssystem schüttet Dopamin aus – besonders dann, wenn etwas Form annimmt und uns gefällt. Motorische und sensorische Bereiche arbeiten zusammen, um Handbewegungen, Formen und visuelle Eindrücke abzugleichen.

Zeichnen ist also eine tolle Beschäftigung, die das ganze Gehirn auf eine ruhige, konzentrierte Art beschäftigt.

Körperliche Erdung durch analoge Werkzeuge

Beim analogen Zeichnen kommen Sinneseindrücke hinzu, die unser Nervensystem stark beruhigen. Das Papier als haptisches Medium mit einer Endlichkeit spielt eine besondere schöne ästhetische Rolle. Auch die Schreibwerkzeuge finde ich wichtig und achte darauf, dass ich Stifte in den Händen halte, die ich wirklich mag. 

Aktivierung der Körperwahrnehmung

Die Struktur des Papiers, manchmal sogar der Geruch, das Fühlen des Stifts und die Reibung auf dem Papier sind einmalig, können immer wieder verändert werden und lösen viele Reize aus. Diese sind deutlich stärker als bei digitalen Oberflächen.

Das führt dazu, dass ich präsenter im Körper bin, mich selbst mehr spüre, mich als Ganzes wahrnehme (manchmal gelingt es mir sogar den Atem miteinzubeziehen).

Hinzu kommen Geräusche, die beruhigen, wie zum Beispiel der Sound vom Stift, mein eigener Sound bei der Bewegung und beim Atmen. Eine natürliche Verlangsamung setzt ein. Ich bin im Prozess in meiner eigenen Geschwindigkeit. Der Vagusnerv wird durch regelmäßige rhythmische Bewegungen aktiviert und dadurch auch meine Entspannung. Möchten ich das Verstärken, kann ich dazu summen.

Wer bis hier gefolgt ist, kommt nach ein paar Minuten in den Flow – durch weniger Reize, mehr Fokus und Glücksmomente der Selbstwirksamkeit. Wenn du erste mal anfängst, kommen selbst beim Zeichnen, drüber malen immer wieder ganz viele neue Ideen von alleine. 

Literatur: 

Müller, B., & Richter, T. (2021). Neuroästhetik: Wie Kunst auf Gehirn und Psyche wirkt. Springer Verlag.

Hinz, L. (2019). Praxis der Kunsttherapie: Grundlagen, Methoden und Anwendungen. Kohlhammer Verlag.

 

 

 

Geschichten vom gelingenden Wohlstand…

Geschichten vom gelingenden Wohlstand…

Geschichten vom gelingenden Wohlstand für Alle!  Eine neue Kooperation mit vielen Handlungsempfehlungen für das gelingende Wohlsein – im besten Falle zusammen. Der Text kommt von Frank Braun , die Illustration dazu von mir…das ist unser erster gemeinsamer Aufschlag…aber lest und schaut doch selbst. 

 

Egon wird reich – ganz anders als gedacht

Egon war zufrieden. Er hatte ein großes Auto, einen Fernseher mit 200 Kanälen, ein tolles Haus, einen Keller voller Werkzeuge und eine Kaffeemaschine, die ihm 20 verschiedene Kaffeevariationen zubereiten konnte. Trotzdem fühlte sich Egon oft müde. Und ein bisschen genervt. Irgendwie wurde alles teurer. Und irgendwie – auch komplizierter.

Eines Tages ging Egon zum Bäcker. Dort traf er auf Lisa. Lisa war neu im Viertel und hatte einen seltsamen Beutel dabei, auf dem stand: „Teilen macht reich.“

Egon runzelte die Stirn. „Reich? Durch Teilen? Ich glaub, du hast zu viel Dinkel gegessen.“

Lisa lachte. „Komm mal mit zu unserem Tauschcafé. Vielleicht überrascht es dich.“

Egon war skeptisch. Aber seine Kaffeemaschine war gerade kaputt, und die Reparatur hätte ein kleines Vermögen gekostet. Also ging er mit.

Im Tauschcafé traf er Leute, die Dinge tauschten, die sie nicht mehr brauchten. Egon brachte ein altes Raclette-Gerät mit – das er zuletzt zu Silvester 2009 benutzt hatte – und ging mit einem fast neuen Wasserkocher nach Hause. Kostenlos. Und mit einem Grinsen im Gesicht.

Ein paar Wochen später war Egon Stammgast. Er reparierte dort sogar Toaster – YouTube sei Dank! Er half beim Reparatur-Café, bekam ab und zu selbstgebackene Kekse und wurde plötzlich in der Nachbarschaft begrüßt wie ein Popstar.

Er fing an, Dinge zu leihen, statt sie zu kaufen. Den Hochdruckreiniger von Ute, das Zelt von Mehmet. Im Gegenzug lieh er seinen Akkuschrauber aus – der vorher mehr Zeit im Keller verbracht hatte als Egon auf der Couch.

Irgendwann stellte Egon fest: Sein Konto sah besser aus, obwohl er sich nicht eingeschränkt fühlte. Er kaufte weniger, aber besser – zum Beispiel fair gehandelten Kaffee und Seife vom Weltladen. Er lernte: Wenn niemand dabei ausgebeutet wird, schmeckt das Leben besser.

Und seine größte Angst? Dass Nachhaltigkeit Verzicht bedeutet? Die hatte er irgendwann vergessen. Weil sein Leben reicher geworden war: an Zeit, an Kontakten, an Lachen.

Egon hatte verstanden:
Wohlstand heißt nicht: viel haben. Wohlstand heißt: gut leben.

Text: Frank Braun

Illustration: Susanne Kitlinski